Zwischen Hochschulkampf und Hochschulkrampf

Warum die Luft für Hochschulkämpfe zwischen Bologna, Ämtern und Selbstfindung knapp wird.

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Es braucht nicht viel, um festzustellen, dass universitäre Kämpfe weit entfernt von einem Vorbild der 68 Jahre sind. Hier liegt vermutlich die erste Synapsenkopplung verborgen, wenn wir über „Kämpfe“ und „Hochschule“ nachdenken wollen. Hochpolitisch, unüberhörbar, unübersehbar und solidarisch – so das Ideal einer Bewegung von jungen, hochgebildeten Menschen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht entziehen wollen und stattdessen für einen Wandel mobilisieren. Jetzt aber ist 2019, 51 Jahre sind seitdem vergangen und bei einem Blick in die deutsche Hochschullandschaft bleibt das alles nur ein Wermutstropfen auf einem Polaroid vergangener Zeiten.

Dennoch haben uns die jüngsten Ereignisse gezeigt, dass wir Ungleichheiten und Missstände nicht verschlafen oder übersehen haben. Dort waren 240.000 Menschen bei der #unteilbar- Demonstration in Berlin, 60.000 Menschen, die Flagge beim #wirsindmehr-Protest in Chemnitz zeigten, Student*Innen die in Potsdam für den Erhalt ihrer Räumlichkeiten kämpften, jene, die sich am Hellersdorfer Campus für Kulturvielfalt engagierten und Student*Innen aus Kassel, die mit Regenbogenwaffeln bei einem Picknick gegen Homo- und Trans*Feindlichkeit protestierten.

Was ist also passiert?

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Hochschulen sind Sandwichkinder im Rahmen des Reifeprozesses eines Heranwachsenden, gefangen zwischen einem starren Bildungssystem der Schule auf der einen und einem stark anforderungsorientierten Arbeitsmarkt auf der anderen Seite. Und sowohl die bereits ausgetrocknete Sandwichscheibe von unten (unser Schulsystem hat sich immerhin seit der Weimarer Republik nicht großartig erschüttern lassen), wie auch die durchtriefte Scheibe von oben, nähren den Boden der Hochschule. Und als wäre das nicht ausreichend, stehen wir in der Mitte des Sandwiches auch noch selbst vor vielfältigen persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Student*Innen stehen während ihres Studiums nicht nur in der vermeintlichen Blüte und der „besten Zeit ihres Lebens“, sondern auch davor, sie selbst zu werden, sich in der eigenen Persönlichkeit zu festigen.

Die Bologna-Reform führte letzten Endes zu einer Anpassung des Hochschulsystems an das der Schule. Straffe Stundenpläne und oftmals wenig Wahlmöglichkeiten sehen sich dem Wunsch nach der Ausbildung von frei denkenden und ständig reflektierenden Jungspunden ausgesetzt. Die Hoffnung, das jahrelange Bulimie-Lernen hinter sich lassen zu können, findet ihr Grab auf dem Friedhof der selbstständig denkenden „Hochschüler*Innen“, was vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen vielleicht auch eine passendere Bezeichnung für die „moderne“ Idee von Student*Innen ist. Wissenschaft und das Begreifen der Welt voller wissenschaftlicher Entdeckungsmöglichkeiten, genauso wie das Liebenlernen theoretischer Erkenntnisse und ihrer Entstehungen braucht in erster Linie Zeit und Hingabe – deren Räume aber zwischen Studienplatzkampf, Creditpunktsammlung und Notendruck immer kleiner werden. Wichtig geworden ist vor allem eins: das alles möglichst reibungslos und ohne Komplikationen funktioniert.

Für den Großteil der Student*Innen bildet das Studium nur einen Ausschnitt des täglichen Lebens und seltener den Mittelpunkt. Denn oftmals sind die Leistungen des Sozialsystems, in diesem Falle zumeist des BaföGs, nicht ausreichend, um unbedroht das eigene Leben bestreiten zu können. Also braucht es nach intensiven Vorlesungen und einem Stapel von Anträgen die ausgefüllt werden müssen noch einen Nebenjob. Natürlich trägt gerade in Berlin und anderen Ballungszentren der brisante Wohnungsmarkt zu einer Zuspitzung dieser Lage bei. Luxus und Studium sind bei weitem zwei Begriffe, die nicht zusammenpassen und irgendwie auch nicht zusammengehören. Dass wir hierbei aber nicht über Luxus, sondern vielmehr um Existenzängste reden, führt dazu, dass die Kämpfe der Hochschule vor allem erst einmal an der eigenen Front gewonnen werden müssen. Diese Tatsache entzieht einer aktiven Hinwendung zu gesellschaftskritischen Auseinandersetzungen wahrhaftig die Basis auf der sie entstehen kann.

Der große Gewinner, der sich selbst aber natürlich in einer desolaten Lage sieht, steht derweil am anderen Ende der Hochschule, am Ausgang eines Karussells, dass seine Romantik für ökonomische Interessen in der Realität aufopfern musste und nur noch in den Illusionen unbefleckter Schüler*Innen weiterexistiert. Der Arbeitsmarkt kann es kaum erwarten für ihn zurechtgeschnittene Arbeitskräfte zu gewinnen. Optimiert genug sind die heutigen Student*Innen allerdings immer noch nicht, weisen sie doch kurz nach dem Abschluss in den seltensten Fällen akademische Titel und langjährige Berufserfahrung vor. Dafür aber sind sie hinreizend anpassungsfähig und kompetent darin, Anweisungen und festgelegten Strukturen zu folgen. Als Ergebnis eines langjährigen Systems hierarchischer Unterordnung und oberflächlichem Themen-Abhaken in reflexionsarmen Dimensionen statt intensiven Auseinandersetzungen eine Elite von Beantworter*Innen global-relevanter Fragen und Befeuer*Innen eben solcher Diskurse zu erwarten endet in nicht mehr als Sarkasmus.

Nichtsdestotrotz haben all jene Kämpfe, die im Kontext Hochschule verortet sind, nicht an Bedeutung verloren. Gemeint sind damit Kämpfe, die wir sowohl für uns als Individuum selbst, aber auch für die Gemeinschaft austragen müssen. Diese zielen auf die Verbesserungen und Ressourcen unserer unterschiedlichsten Rollen ab. Es geht um Lebens-, Bildungs- und Arbeitsbedingungen als Student*In, als Mutter oder Vater, als Arbeitnehmer*In, als Verbündete, als Mitglied der Gesellschaft und Zukunftsgestalter*Innen. Der Status von Student*Innen bringt sowohl Rechte, als auch Pflichten mit sich. Kämpfe lassen sich in beiden dieser Pole einordnen. Es ist folglich wenig hilfreich, sich den häufig auftürmenden Veränderungen und Anforderungen zu unterwerfen. Lieber sollten wir uns wieder stärker verdeutlichen, welche Konflikte wir bereits bestreiten konnten, daraus einen notwendigen Optimismus ableiten und uns auf neue Gefechte einstimmen.

Das Wort des Kampfes an sich scheint auf kräftezehrende Auseinandersetzungen körperlicher oder geistiger Natur fokussiert zu sein – obwohl sie doch auf unterschiedlichste Arten und Weisen geführt werden können. Vielleicht ist es manchmal die energiegeladene Ausstrahlung des reinen Wortes, die uns davon abhält Kämpfe einzugehen. Umso schöner, wenn wir von Beispielen lesen in denen das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden werden kann. Unsere Ritterrüstungen und die Molotowcocktails können wir oftmals zu Hause lassen und stattdessen auf Gespräche, Picknickkörbe, Debatten und zielgerichtete Veranstaltungen zurückgreifen.

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Gleichzeitig müssen die akribisch eingebläuten Ziele einer auf ökonomische Interessen ausgerichteten Bildung wieder stärker hinterfragt werden. Dies gelingt jedoch nur, wenn, um es mit Karl Marx Worten zu sagen, nicht die „herrschende Klasse“ die Einflusshoheit auf das hiesige (Bildungs-)System zugesprochen bekommt und Wettkampf mit der Immatrikulation und der Einrichtung von wissenschaftlichen Zentren und Lehrstühlen endet. Vielmehr sind hier auch die Hochschulen gemeinsam mit ihren Student*Innen in der Verantwortung, sich auf die eigentliche gesellschaftliche Funktion und die Gestalt ihrer Rolle zurückzubesinnen. Dafür braucht es sowohl sichere Rahmenbedingungen, als auch Freiräume für Freidenker*Innen. Kampf und gesellschaftliche Verantwortung lässt sich nicht auf vorlesungsfreie Zeiten oder Pausen zwischen den Lerneinheiten minimieren. Lehrkräfte müssen Anreize und Räume anbieten, in denen Reflexion und tiefgehende Diskussionen stattfinden können.

Es liegt an uns selbst, auf welche Art und Weise wir die Zeit des Studiums begreifen wollen – als persönlichen Reifeprozess, in dem wir uns einer Epoche von Blicken über den Tellerrand verschreiben, um an den Punkten weiter nachzufragen und zu diskutieren, an denen andere verzagen. Oder aber als bloßen To-Do-Punkt einer Liste, die möglichst schnell zu automatisierten Kräften des Arbeitsmarktes führen soll. Wir müssen uns fragen, für wen wir Hochschule mit Leben füllen wollen, wenn nicht für uns selbst. Hochschule für uns oder Hochschule für sie?

Auseinandersetzungen mit Kämpfen gehen mit Gedanken über Macht- und Ohnmachtsverhältnisse einher. Möglichenfalls haben wir zwischen all den Umbrüchen und dem Trubel der letzten 51 Jahre vergessen, wie viel Macht tatsächlich in, um und an der Hochschule einer Studentenschaft zur Verfügung steht. Und vielleicht ist genau jetzt die Zeit, das eingestaubte Bild der Hochschulproteste in den Frühjahrsputz zu schicken, um gemeinsam Lösungen für Probleme zu entwickeln, die wir selber entdecken und erforschen dürfen.

Substanziell aber brauchen wir zwischen all diesen Widrigkeiten und Fronten eines: einen langen Atem.

„Die Kinder der Utopie“ – Neue Kurzdokumentation veröffentlicht

Wahnsinn! Es ist schon wieder so viel Zeit vergangen, seit dem wir „Die Kinder der Utopie“ im Rahmen des bundesweiten Aktionsabends auch in Berlin Friedrichshain gezeigt haben. Am 15. Mai wurde so im ganzen Land über das Thema Inklusion gesprochen – insgesamt in 160 Städten lief die Dokumentation von Hubertus Siegert und erreichte allein an diesem Abend fast 20000 ZuschauerInnen.

Mittlerweile gibt es den Film als DVD zu kaufen (gab es für mich natürlich zum Geburtstag! An alle, die bis jetzt nicht zugeschlagen haben: Es sind nur noch drei Monate bis Weihnachten, das wäre doch ein super Geschenk!)

Nach wie vor gibt es die Möglichkeit über so genannte „Community Events“ den Film in Vorführungen außerhalb des Kinos zu zeigen. 

Aber nicht nur die Kaufoption halten den Film weiter am Leben: das Medienprojekt Berlin veröffentlichte nun eine kurze Dokumentation von unserem Aktionsabend in Friedrichshain. Teil dieses Projektes ist auch die wunderbare Laura Mench.

 Hier kommt ihr zur Kurzdokumentation:

https://www.youtube.com/watch?v=BeSbWw8mrS0

Die Kinder der Utopie

 Auch ich habe es als Diskussionsteilnehmerin auf dem Podium sogar kurz mit in die Dokumentation geschafft und bin wahnsinnig stolz!

Halten wir unsere Utopie weiter am Leben!

www.diekinderderutopie.de

www.medienprojekt-berlin.de

www.projektlebenaktiv.com  

Besuch auf der Werkstätten:Messe Nürnberg 2019

Dienstag, 26. März 2019 – gemeinsam mit einigen Kolleginnen mache ich mich auf den Weg von Berlin nach Nürnberg. Überschaubare 3 Stunden dauert der Weg im ICE bis zum dortigen Hauptbahnhof. Einchecken ins Hotel, Vortragsprogramm für den nächsten Tag studieren und zusammenstellen. Es ist mein erster Besuch auf der Messe und schnell wird deutlich, dass das Programm durchaus komplex ist: über Podiumsdiskussionen sozialpolitischer Veranstaltungen, Fachvorträge zu den unterschiedlichsten Themen und Bereichen wie des Berufsbildungs- oder Förderbereiches. Aber auch rechtliche, gleichermaßen wie sportliche Angebote und und und..

In Nürnberg selbst ist erst einmal nicht viel von der Messe mitzubekommen, auch die Bahn zum Messegelände verspricht bis hierhin keine Menschenmassen. Auf dem Gelände angekommen offenbaren Fahnen die stattfindende Messe, nebenan der Europatag der CSU – wie ironisch denke ich mir.

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In der Eingangshalle zeigt sich dann doch ein heftig geschäftiges Bild vieler Menschen. Wir lösen uns Tagestickets und schauen uns erst einmal um. Eine halbe Stunde habe ich Zeit, bis die erste Veranstaltung zum Thema „Berufliche Inklusion“ in Zusammenhang mit dem Verein der bayrischen Wirtschaft für mich beginnt. Ich versuche mich an einem ersten kleinen Rundgang durch die Messehalle. Dabei sehe ich Stände, die an Start-Up Unternehmen erinnern, designtechnisch kräftig aufwarten und eben solche, die eher schlichter gestaltet wurden. Neben zahlreichen Eigenprodukten die hier vorgestellt werden, lassen sich auch Vereine, Verbände und Organisationen nicht die Chance nehmen sich zu verkaufen. So kann man sich über die BAG, die diversen LAGs, die Agentur für Arbeit und die Werkstatträte informieren. Zugegeben, in meiner Vorstellung hatte diese Messe größere Ausmaße (1 1/2 Messehallen) angenommen. Ich erfahre jedoch schnell, dass dem tatsächlich mal so war, der Vertrag mit der Nürnberger Messe aber ausläuft und die Messe in der letzten Zeit wohl etwas in die Jahre gekommen sei. Berlin, so sagt man, sei im Gespräch, hier biete sich die Chance für ausgedehntere politische Lobbyarbeit. Nicht verkehrt, denke ich mir. Nach drei Vorträgen und einem weiteren Rundgang durch die Messehallen ist an diesem Tag mein Kopf voll und wir treten den Rückweg ins Hotel an. Um hier gleich wieder zu überlegen, wie es am nächsten Tag weitergehen kann.

Die Dame in der Hotellobby erzählt, wie gerne auch sie immer zur Messe wollte – es bis dato aber nicht geschafft hat. Allgemein fällt unter den BesucherInnen auf, dass abgesehen von Fach- und Führungskräften sowie Werkstattbeschäftigten die Vielfalt der Besucherinnen mannigfaltiger sein könnte. Gut, es ist auch eine Fachmesse. Aber anhand der vielen kreativen Eigenprodukte sicherlich auch für Privatleute durchaus einen Besuch wert.

Auch am zweiten Tag entscheide ich mich für drei Vorträge, darunter eine Podiumsdiskussion und einen zum Thema Kennzahlen in der Sozialen Arbeit einer Werkstatt – ein für mich brisantes Thema. Aber ich wähle bewusst auch einen in „Leichter Sprache“ deklarierten Vortrag aus, um zu schauen, wie sich dieser in der Praxis gestaltet. Insgesamt ist mein Eindruck der Fachvorträge durchwachsen, so muss man aber auch bedenken, dass in ein bis zwei Stunden tatsächlich tiefgründige Auseinandersetzungen eher ein Ding der Unmöglichkeit sind. Vielmehr als Anreize, Denkanstöße und Erinnerungensblitze können diese Vorträge also nicht bei mir hervorrufen.

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Immer wieder sitze ich in den Reihen und denke über die Leitlinie „Nichts über uns ohne uns“ nach. Das verwirklicht die Messe in Ansätzen, etwa durch die Teilnahme des Vorsitzenden der Werkstatträte Deutschland bei einer gemeinsamen Runde mit Jürgen Dusel und anderen Polit- und Fachgesichtern. Auch in den mit „Leichter Sprache“ gekennzeichneten Vorträgen scheint es entsprechende Unterstützung zu geben. Aber die selbe Einbeziehung wäre sicherlich in mehr Vorträgen möglich, aber auch nicht in allen notwendig gewesen.

Fachmessen sind und bleiben natürlich auch Kontaktbörsen, Begegnungsstätten und Erlebnisse. Die Visitenkarte ist also ständig greifbar und wird fleißig an entsprechende Neukontakte verteilt. Gimmicks wie ein Fußballcourt, Tischtennisspiele mit dem Deutschen Meister des Behindertensportbundes oder interaktive Programme werden dem gerecht.

Insgesamt steige ich zufrieden, nicht überwältigt in den ICE zurück nach Berlin ein. Eine Messe, die ich gerne wieder, nicht aber jedes Jahr besuchen muss. Ich wünsche mir, dass ein Neubeginn tatsächlich die Anzahl der Fürsprecherinnen und die Lobby der Menschen mit Behinderungen beflügeln kann. Und das die austragenden Städte gemeinsam daran arbeiten, die dort in Fachvorträgen und Diskussionen bearbeiteten Themen auch in die Mitte der dortigen Bevölkerung zu holen. Kontakte zu schaffen, sich zu öffnen und für eine breitere Zielgruppe interessant zu machen.

Wir sehen uns in 2021!

Music creates water – wie mein Wohnzimmer zum Konzertsaal für Viva con Agua wurde!

Die besten Ideen entstehen – bei der wöchentlichen Mittwochabend-Zusammenkunft mit den Nachbarn! Irgendwo in den Weiten des Internets wurde ich auf die MUSIC CREATES WATER TOUR von Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. aufmerksam, bei der man sich für die verschiedensten Künstler auf ein Wohnzimmerkonzert bewerben konnte. All diese Konzerte fanden rund um den Weltwassertag am 22.03. statt. Ziel der Wohnzimmerkonzerte: Spenden sammeln. Mir gefiel die Idee, den guten Zweck mit einem ganz besonderem Event verbinden zu können.

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In gemeinsamer Runde klickten wir uns bei YouTube und Spotify durch die Songs der MusikerInnen. Zwischen Teesy, Leslie Clio und zahlreichen anderen entschieden wir uns, eine Bewerbung für Marie Bothmer zu schreiben. Eine junge Künstlerin, die uns mit ihren zerbrechlichen Klängen und der gefühlvollen Stimme beeindruckte. Ich knipste ein paar Fotos von meinem Wohnzimmer und erzählte von uns. Insgeheim rechnete keiner damit, dass in unserer Wohnung tatsächlich ein Wohnzimmerkonzert stattfinden würde. Wenige Tage später kam dann aber schon die Zusage von Marie – wie bescheuert tanzte ich durch die Wohnung und gab die frohe Kunde an die wichtigsten Leute weiter. Erst dann realisierte ich, dass es nun eine Menge vorzubereiten gab. Und wir wussten nichtmal richtig was, war es doch für uns alle das erste Mal.

Aber nochmal einen Schritt zurück: Viva con Aqua, das ist eine Organisation die ich vor ca. 10 Jahren das erste Mal beim Reggae Jam in Bersenbrück wahrgenommen hatte. Sie setzen sich dafür ein, dass alle Menschen einen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen bekommen können. Dafür werden weltweit Wasserprojekte unterstützt, die Wasser, Sanitär und Hygiene miteinander verbinden. Die Organisation hat dafür mittlerweile viele prominente Gesichter, wie z.B. Marteria für sich gewinnen können. Sich für diese Organisation engagieren zu können? Ehrensache!

Knapp zwei Wochen blieben nun übrig um alles zu planen. Und plötzlich war es Dienstag, der 19. März 2019. Das Wohnzimmer wurde bühnenfreundlich umgebaut und mit Lichterketten, Kerzen und Blumen ausgestattet, die Küche zur Bar und Infotheke umfunktioniert, eine Tombola vorbereitet und Eintrittskarten gedruckt. Und dann standen nicht nur die ersten Gäste vor der Tür, sondern auch Marie Bothmer samt Gitarre. Eine herzliche Begrüßung und schon fand sie umzingelt von interessierten Gästen ihren Platz in der Küche, vertieft in offene, amüsante und schöne Gespräche. Wir erleben eine von Beginn an sympathische Sängerin. Irgendwann ein paar einführende Worte und schon ging das Konzert los. Was uns jedoch nicht mehr los ließ: die Gänsehaut, mit der sie uns verzauberte. Und selbst die coolsten Typen wurden auf einmal ganz weich und ruhig. Gut 45 Minuten lang durften wir veröffentlichten und unveröffentlichten Songs lauschen, bevor ich mir meinen Hut schnappte um die Spenden einzutreiben und die Tombola zu starten, bei der mir Marie noch als Glücksfee zur Seite stand.

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Am Ende das Abends konnten wir stolze 300 Euro für Viva con Aqua sammeln, aber auch eine ganz besondere und schöne Erfahrung und das Wissen: „Ich bin cool, so cool, ganz cool!“

Wir danken Marie Bothmer, SOFA CONCERTS und Viva con Agua für diesen unvergesslichen Abend und wünschen Marie alles erdenklich Gute auf ihrem musikalischen Weg. Unser Wohnzimmer wird immer für dich offen sein!

Fremdbestimmung – das gibt es doch gar nicht mehr! Warum Inklusion keine Modeerscheinung sein darf.

Fremdbestimmung, das ist doch sowas von oldschool. Das gibt es doch gar nicht mehr. Heute geht es doch den Menschen mit Behinderungen viel besser als früher.

Ja, das mag sein. Mit Sicherheit hat sich vieles verbessert. Das hat es sich für alle von uns, aber das heißt nicht, dass es gut ist. Manch einer ist der Meinung, das Thema der Inklusion hätte ausgedient, das Wort selbst wäre ausgelutscht und nicht mehr aktuell.

Wirft man jedoch einen Blick auf die immer noch vorherrschende Fremdbestimmung im Alltag eines Menschen mit Behinderung wird deutlich, dass „Inklusion“ mehr ist, als ein in den Medien breitgetrampelter Begriff.

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Die Meisten von uns können sich vermutlich nicht vorstellen, was es bedeutet, ein Leben unter Fremdbestimmung zu führen und in welchem Ausmaß diese ein Leben im 21. Jahrhundert beeinflussen kann.

Wir beginnen beim Frühstück. Ich stehe am Samstagmorgen auf und mache mich auf den Weg zum nächsten Supermarkt – Worauf habe ich heute Hunger? Brötchen, Brot, Müsli? Käse, Avocado, Fleischsalat? Das liegt ganz bei mir. Gehen wir von einem Mensch mit Behinderung aus, der in einer stationären Einrichtung, in einem Wohnheim wohnt. Auch hier gibt es Entscheidungsfreiheiten – die aber bereits im Vorhinein determiniert wurden. Was darf es sein: die Wurst- oder die Käsesorte die es jeden Morgen gibt? Lieber den Apfel oder die Birne? Ich nenne das eine „falsche Entscheidungsfreiheit“. Die Frage ist nämlich nicht mehr, ob ich Brötchen oder Müsli essen möchte, sondern welchen Belag oder wie viel Milch in mein Müsli soll. Das mag trivial klingen, dennoch würde keiner von uns vermutlich unter gleichen Voraussetzungen sein wöchentliches Wochenendfrühstück zu sich nehmen wollen.

Menschen mit Behinderungen haben oftmals auch keinen Einfluss darauf, mit wem sie zusammen wohnen möchten. Geschweige denn mit wie vielen anderen Menschen. Die Platzzahl im Wohnheim ist auf die Größe angepasst. Und auch im teilstationären Bereich liegen die Entscheidungsgewalten nicht bei den Menschen selbst. Erst kürzlich erzählte mir eine Klientin in heller Aufregung, sie müsse bald in eine andere Wohnung ziehen. Dies wurde so von der Einrichtung beschlossen. Wohnen dort, wo es andere sagen.

Viele andere junge Menschen können nicht einmal zuhause ausziehen, weil Mama und Papa – oftmals gleichzeitig in Funktion der gesetzlichen Betreuung – dies untersagen. Die eingehenden Einnahmen zum Monatsanfang die durch den Betreuten erfolgen würden so schließlich wegbrechen. Ein Unding – aber tägliche Realität.

Die persönliche Tages- und Wochenplanung steht in Abhängigkeit von zur Verfügung stehenden Zeitkapazitäten ambulanter BetreuerInnen, auf dessen Hilfe man möglicherweise für die jeweiligen Erledigungen angewiesen ist.

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All das sind nur ein Bruchteil an Beispielen dafür, wie aktuell das Thema der Fremdbestimmung im Leben von Menschen mit Behinderungen nach wie vor ist. Leider neigen wir dazu, die eben benannte „falsche Entscheidungsfreiheit“ vor dem Hintergrund der Zuschreibung eines „Behindertenstatus“ zu bagatellisieren, dabei wir selbst unter solchen Umständen in Aufruhr geraten würden.

Der Kampf für mehr Selbstbestimmung ist ein wesentliches Bestandteil bei den Forderungen nach mehr Inklusion. Es darf nicht passieren, dass wir, nur weil wir vielleicht eines Wortes müde sind, die gültigen und angebrachten Ansprüche dahinter zu vergessen bereit sind. Inklusion kann kein Thema eines Jahres sein, kein Begriff der auf „In und Out-Listen“ erscheint. Inklusion ist ein nicht zu diskutierender Lebensstandard, den es zu realisieren gilt.

Über das Gefühl, die eigene Behinderung zu beantragen.

thumbnail_20190220_195643_0001Es war nichts Neues für mich anders zu sein. Anders im Sinne von Du hast eine oder zwei Krankheiten. Im Sinne von, du siehst anders aus und deswegen sehen dich viele Menschen auch als anders an. Obwohl du es gar nicht bist oder vielleicht gerade deswegen besonders. Niemand hatte mich aber darauf vorbereitet, was es bedeutet schwarz auf weiß von einer gesellschaftlichen Norm abzuweichen, die ich nicht einmal bestimmen konnte. Geschweige denn, dass mich jemand gefragt hätte ob ich zur Norm gehören möchte oder nicht. Gesellschaftliche Normen sind ungeschriebene Gesetze, die oftmals akribischer geahndet werden, als jene die in unseren Gesetzesbüchern verankert sind. Denn derjenige der das Urteil „abweichend“ oder „passend“ verlauten lässt, ist nicht ein Richter in Schwarz-weißer Kutte, sondern in unserem Land eine ca. 80 Millionen starke Geschworenen-Gemeinschaft, aus der jeder zuvor von seinem Nachbarn bestochen wurde. Es braucht nicht viel um zu verstehen, dass die Stimmen von so vielen viel lauter tönen, als die eines Einzelnen. Umso härter trifft einen am Ende das verlesene Urteil. Es kostete mich schon eine Menge Überwindung mir aus einer freien Entscheidung heraus zuzugestehen, meine eigene Abweichung attestieren lassen zu wollen. Ich wurde jedoch das Gefühl nicht los, dass es irgendwann auch an der Zeit dafür sein musste, für die eigenen Strapazen und Nachteile wenigstens den Hauch eines Ausgleichs erlangen zu können. Und eben solche Ausgleiche sind an Formalitäten gebunden, die uns erst einen Zugang zu diesen ermöglichen. Es muss doch wenigstens ein Bisschen was geben, was für all die Dinge entschädigen könnte, die ich bisher durchlebt habe, dachte ich mir. Also nahm ich letzten Endes all meinen Mut zusammen und tat das, was ich beruflich immer wieder zu erledigen habe. Ich ging auf die Homepage des Landesamtes für Versorgung und Soziales und entschied mich, einen Antrag auf die Feststellung einer Schwerbehinderung auszufüllen. Das fühlte sich in etwa so an, als würde man sich selber aus der Schubladen-Schublade den Stempel für sich selbst aussuchen, auf das Stempelkissen drücken und ihn anschließend auf der eigenen Stirn anbringen. Gleichzeitig war dies auch der Moment, in dem ich mir selber das Etikett zuschrieb, dass ich von anderen Menschen so oft nicht akzeptieren wollte. „Schwerbehinderung“ klang als Wort so weit entfernt von mir, wie Holland von der Weltmeisterschaft. Während der Erstellung des Antrages stellte ich mir immer wieder die Frage, ob ich tatsächlich Schwerbehindert sein wollte. Als wäre das etwas, das man sich aussuchen konnte. Kann man das? Kann man sich aussuchen, ob man behindert ist oder nicht? Ist das tatsächlich eine Frage der Einstellung oder die subjektive Beantwortung nichts weiter als die Darlegung von alternativen Fakten? Eigentlich war die Antwort für mich klar: Nein, ich möchte nicht schwerbehindert sein. Ebenso klar war aber auch, dass ich einen erfolgreichen Antrag zustande bringen wollte, also wollte ich ja doch irgendwie schwerbehindert sein. Eine weitere Stimme in mir versuchte mich darüber aufzuklären, dass ich mich mit meinem „Du-bist-nicht-behindert“-Gehabe von Menschen mit Behinderungen distanzierte, wo ich doch sonst für ihre Inklusion kämpfe. Wer das Eine will, muss das Andere mögen heißt es immer so schön. Ich wollte weder behindert sein, noch mochte ich den Großteil all der Dinge, die meine Krankheiten so mit sich brachten. Das Angestarrt werden, die Krankenhausaufenthalte, die ständigen Erklärungen und Nachfragen.

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Dank meines Jobs wusste ich wenigstens, dass diese Anträge immer eine gewisse Dramaturgie benötigten und so zog ich los, um aus meinem Berichtsfundus die eindeutigsten und schwerwiegendsten Berichte zu filtern und zu kopieren. Ich schilderte meine Benachteiligungen psychischer und physischer Natur und versuchte das Schlimmste aus meinen Erkrankungen rauszuholen. Während ich durch die zahlreichen DIN A4 Seiten blätterte, erinnerte ich mich an jeden Einzelnen Krankenhausaufenthalt der hinter den Berichten steckte, an all die Anstrengungen und die Kraft die ich bis hierhin aufbringen musste. Die Zuspitzung meiner Krankheitserfahrung offenbarte sich mir nicht nur als Abbild des Leidens oder Ausgestoßenseins, sondern zeitgleich als Abbild meiner eigenen Kraft. Ich hatte das Gefühl, dass ich für all die bescheidenen Dinge bisher ziemlich viel erreicht und durchlebt habe. Dass mich all die Erfahrungen noch stärker gemacht, dass sie mich nicht aufgehalten hatten. Und dass sie einer der Gründe waren, warum es mir so selten den Boden unter den Füßen wegriss. Ich hatte nicht trotz meiner vermeintlichen Schwerbehinderung so viel erreicht, sondern gerade wegen ihr.

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Einige Wochen später öffnete ich den Briefkasten und in meinen Händen lag die Antwort des Landesamtes für Versorgung und Soziales auf meinen Antrag. Ich nahm den Brief aus dem Briefkasten und legte ihn auf meinen Schreibtisch. Dann ging ich zum Balkon, zündete mir eine Zigarette an und starrte auf den Brief auf meinem Schreibtisch.

1 Beruf, 100 Jobs – Das Täglich Brot als SozialarbeiterIn Teil 1

Einer der vielen Gründe warum ich meine Arbeit so sehr mag, ist, dass sie nie langweilig wird. Und das liegt nicht nur am vielen Klatschen, Tanzen und Singen, sondern vor allem daran, dass man als SozialarbeiterIn wahnsinnig viele Bereiche und Kompetenzen abdecken muss. Früher habe ich immer gesagt, dass ich auf keinen Fall im Amt arbeiten möchte – schließlich „wünsche ich mir den Kontakt zum Menschen und nicht zum Schreibtisch“. Heute möchte ich zwar nach wie vor nicht im Amt arbeiten, habe aber dennoch gelernt, dass Schreibtischarbeit durchaus Spaß machen kann.

SozialarbeiterInnen sind wahrhaftige Jobschizophrene. Wie unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten aussehen, damit möchte ich heute beginnen.

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1. Job: VeranstaltungsplanerIn/Event-ManagerIn

In mehr oder weniger unregelmäßigen Abständen bin ich dafür zuständig, teilweise öffentlichkeitswirksame oder interne Veranstaltungen, Feiern, Feste durchzuführen. Ganz egal in welchem Arbeitsfeld man sich rum treibt: ob für BewohnerInnen, AnwohnerInnen, Quartiere, Fachkräfte, Angehörige.. die Palette ist breit. Im Kern bedeutet dies ein Budget zu verwalten, Programme planen, Gästelisten zusammensetzen, Einladen, An- und Abreise organisieren, Technik und Versorgung absichern, DJ oder Moderator sein, Reden halten. Und am Ende erleichtert sein, wenn alle glücklich und zufrieden nach Hause gehen können.

2. Job: Bürokauffrau/Verwaltungsfachkraft

Wer schreibt, der bleibt. Heutzutage umso mehr. Aber wer viel schreibt, muss auch viel Büroorganisation leisten. Ein eigenes System für Ordnung oder zumindest koordiniertes Chaos erfinden, Rechnungen und Verträge erstellen und kontrollieren, Berichte schreiben, Personal planen und einen Überblick über die Urlaubsanträge behalten. Formblätter erstellen, Checklisten bearbeiten und vor allem Fristen einhalten.

3. Job: Personalerin

Je nach zugeteiltem Aufgabengebiet und Befugnis übernimmt man durchaus auch die Funktion einer PersonalerIn. Vorstellungsgespräche ausarbeiten und durchführen, schauen wer in entsprechende Teams und zur eigenen Einrichtung passt. Das gilt gleichermaßen für die Neueinstellung von Fachkräften wie für den Einsatz von PraktikantInnen und Ehrenamtlern. Wer passt in welchen Bereich, welche Aufgaben sind für die jeweilige Person passend? Das schult die eigene Menschenkenntnis und offenbart viele neue Blickwinkel.

4. Job: JuristIn

Sozialarbeit bewegt sich hauptsächlich im Bereich der Sozialgesetzbücher und ist damit an Rahmenbedingungen und Gesetze gebunden. Und auch wenn wir es manchmal nur ungern tun und es uns als nicht durchdringbarer Wald entgegenwütet, müssen wir uns früher oder später im Dickicht der Gesetze zurechtfinden. Angefangen beim Unterstützen und Ausfüllen von Anträgen wie zur Grundsicherung oder um eigene (oder fremde und vielleicht eher unliebsame) Ideen und Vorschläge auf Machbarkeit und vor allem Legalität zu überprüfen. Aktuell aber vor allem auch um Neuerungen des BTHGs umzusetzen, auf Ablehnungs- oder Feststellungsbescheide adäquat reagieren zu können oder Menschen bei Konflikten und Fragen entsprechend unterstützen zu können.

Das ist natürlich nur ein kleiner Auszug aus all den Jobs die wir tagtäglich angehen. Weitere Einblicke folgen! Welche Jobs fallen Euch aus eurer täglichen Praxis ein?

5 Dinge die ich in 2018 gelernt habe

Es ist mal wieder so weit – die Weihnachtsfeiertage sind vorbei und alle warten auf den Jahreswechsel, den großen Abschluss am 31.12.2018. Und wie jedes Jahr sitzt man da und lässt die vergangenen Monate Revue passieren. Wie war das Jahr für mich, was habe ich erlebt, wird es nächstes Jahr besser, kann es nur oder kann es nicht mehr besser werden?
Hier ein kleiner Rückblick von mir.

1. Ich bin privilegiert.IMG_20181224_184108345~2.jpg
Vielleicht klingt das anmaßend, mit einer Prise Arroganz. Aber wenn ich mir in diesem Jahr über etwas bewusst geworden bin, dann, dass ich im Luxus lebe, dass es mir gut geht und dass ich privilegiert bin. Ich brauche keine Angst zu haben, dass ich am nächsten Tag nicht die Leere in meinem Kühlschrank auffüllen kann. Ich habe ein tolles Zuhause, fahre ein großes Auto, kann mir im Urlaub neue Orte anschauen. Ich kann mir die Dinge die ich mir wünsche selber kaufen. Ich habe Hochschulabschlüsse machen dürfen und habe Zugang zu vermutlich allen wichtigen Dingen im Leben. Einen Porsche und das Haus am See sind natürlich nicht im Budget. Aber dennoch würde ich sagen, dass ich im Luxus lebe. Es fehlt mir an Nichts. Und was darüber hinaus viel wichtiger für mich geworden ist: mein privilegiertes Leben schenkt mir gleichzeitig das Recht und die Pflicht, etwas davon abzugeben. Teilen ist der neue Besitz.

2. Verdammt ich bin Erwachsen – aber deswegen immer noch Kind.
Es ist irgendwie merkwürdig, sich erwachsen zu fühlen. Und oft fühlt es sich auch noch gar nicht danach an. Meine Freunde und ich machen viel von dem gleichen Quatsch wie vor zehn Jahren. Wenn ich in den Spiegel schaue, habe ich mich nicht unbedingt viel verändert. Und doch ist es irgendwo und irgendwann passiert: ich muss einsehen, dass ich erwachsen bin. Erwachsen werden bedeutete häufig für mich Abschied nehmen. IMG_20180826_125257824_HDR~2.jpgAbschied nehmen von einer wilden und freien Jugend, in der uns scheinbar die ganze Welt in nur einer Nacht gehörte. Abgesehen davon, dass ich mich mit 26 Jahren körperlich gar nicht mehr in der Lage dazu fühle, die ganze Welt in einer Nacht zu erobern oder es mindestens zwei Tage im Anschluss daran bereue, habe ich gleichzeitig gelernt, dass Erwachsenwerden zwar Abschied bedeutet, aber nicht Verlust. Ich werde mich immer weigern, das Kind in mir ewig in den Keller zu sperren. Ich trage es fortan in einem kleinen Rucksack bei mir, nicht immer sichtbar, aber trotzdem stets zum Einsatz bereit.

3. Ich muss und kann Dinge verändern.
Die letzten Jahre waren vor allem von politischen und gesellschaftlichen Prozessen geprägt, die mich emotional ergriffen und begleitet haben. Die mich wütend machten und mir Hoffnung gaben. Ich war schon immer davon überzeugt, dass man bestimmte Dinge nicht einfach hinnehmen darf, weder alleine noch im Großen und Ganzen. Gleichzeitig weigere ich mich vehement, allgemeinen Klauseln wie „Was soll Ich alleine denn da verändern?!“ anzuschließen. Vielleicht ist das auch nichts anderes, als sich versuchen von Schuld und schlecIMG-20181003-WA0005~2.jpeghtem Gewissen zu befreien – ich weiß es nicht. Ich denke aber, dass ich besser damit leben kann, mich mit kleinen Taten an einem Ablass zu versuchen, als weiter nichts zu tun. Das bedeutete in 2018 für mich politisch Gesicht zu zeigen, sprich an Demonstrationen teilzunehmen, Missstände in meinen Texten aufzugreifen, versuchen den eigenen Plastikkonsum einzuschränken, nachhaltiger zu leben. Spenden und selber Spendenaktionen starten. Das klappt natürlich noch nicht perfekt, aber doch etwas besser. Der gelbe Sack ist bei seiner Abholung deutlich geschrumpft, die Betriebskostenabrechnung sorgte nochmal für ein gutes Weihnachtsgeld und ich habe viel Neues gelernt.

4. Ich bin über mich hinaus gewachsen.IMG-20180725-WA0014~2.jpg
Dinge von seiner „Lebens-To-Do-List“ abzuhaken ist ein schönes Gefühl. Seitdem ich 15 bin verfolge ich Poetry Slams, schrieb eigene Texte und träumte davon, sie irgendwann einmal mit anderen Menschen zu teilen. Aber immer kam irgendwas dazwischen, man vergisst seine Wünsche, es gab nicht „die richtigen Gelegenheiten“, man traut sich nicht, man war noch nicht so weit. 2018 war es dann aber endlich so weit. Und aus dem Abhaken dieses Punktes meiner To-Do-List wurde nicht ein, sondern gleich drei Poetry-Slam Auftritte die mich elektrisiert haben. Diese Auftritte stehen mit Sicherheit nur stellvertretend für ganz viele Dinge und Situationen, an denen ich über michch hinausgewachsen bin, in denen ich mich einfach getraut habe ich selbst zu sein. Ein schönes Gefühl.

5. Manchmal muss man Stopp sagen.
Höher, schneller, weiter. Das war vor allem mein bestimmendes Motto in den letzten Jahren. Bloß um kein Semester das Studium verlängern, mit 25 muss der Master feststehen, am liebsten mit Bestnote und Auszeichnung, neuer Job, gut wäre direkt die Weltherrschaft, noch mehr, noch fleißiger, weiter suchen. Auf der Suche zu sein immer mit dem Wissen, dass das nächste Ziel zwar erreicht wird aber nicht zur eigenen Befriedigung beiträgt sondern nur den Staffelstab an das nächstgrößere übergibt kann anstrengend sein. Weil man darüber hinaus vergessen kann, was es sonst noch so an sich zu entdecken gibt, zu sehen und wertzuschätzen wo man hier und heute bereits gelandet ist. Deswegen wurde es Zeit den ins Rollen gebrachten Stein einmal anzuhalten. Was mit Sicherheit auch eine Anstrengung ist. Aber es offenbart ganz viele andere Dinge, die eben auch keinen Stillstand bedeuten.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen positiven Rückblick auf das vergangene Jahr und einen mutigen Start in 2019.

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6 Wege, um möglichst günstig an Studienliteratur zu gelangen

Je ärmer der Student, desto leerer sein Bücherschrank? Der Trick aus der guten alten Schulzeit „Hat jemand ein Buch für mich?“ passt irgendwie auch nicht mehr so richtig?

Muss auch nicht mehr sein.

Hier ein paar Tipps, wie Du günstig oder sogar kostenlos an gute Literatur für dein Studium kommst.

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1. Die Bundeszentrale für politische Bildung

Die Bundeszentrale für politische Bildung, kurz „bpb“ hält eine Menge an Literatur bereit. Im Shop findet man neben vielen preisgünstigen Editionen auch reichlich kostenlose Bücher. Hier fallen dann lediglich die Versandkosten an, die man sich gut mit den KommilitonInnen teilen kann. Ein Großteil der Zeitschriften steht sogar kostenlos als PDF-Dateien zur Verfügung. Und die weiß-roten Bücher machen sich zudem sehr schick im Regal und erleichtern allen „Bücher-Farbsortierern“ mit Sicherheit das Leben.

2. Internetportale

Gut, ich gebe zu auf die Idee ist vielleicht auch schon jemand von Euch gekommen. Zwei Portale möchte ich Euch aber besonders ans Herz legen. Zum einen Jokers.de. Dieser gehört zum großen Weltbild-Verlag. Es gibt nur wenige Filialen, etwa in Leipzig. Im Online-Shop gibt es eine riesengroße Schnäppchen-Kategorie („Bücher unter 5 Euro“), in der ich schon oft interessante und wertvolle Bücher für 1-2 Euro abgreifen konnte – und das in einem nigelnagelneuen Zustand. Gleichzeitig ist es immer eine kleine Überraschung, was man dort zu finden vermag. Und das bringt einen so vielleicht auch durch furchtbar langwierige Vorlesungen…

Booklooker.de ist ein Marktplatz für Bücher, Hörbücher, Filme, Musik und Spiele. Hier findet man viele gebrauchte Bücher für wenig Geld. Hier lohnt es sich aber durchaus, einen genaueren Blick auf den Zustand und die Aktualität der Bücher zu werfen. Außerdem kann es helfen, sich auf einige wenige Händler zu konzentrieren um so bei den Versandkosten zu sparen.

3. In (d)einer (Hochschul)Bibliothek

Viele öffentliche Bibliotheken brauchen Platz für die neusten Auflagen und Neuerscheinungen und sind so gezwungen, ihre Regale immer wieder zu leeren. Gut für Dich: dadurch kann Literatur auch gerne mal gar nichts kosten. Meistens gibt es eine kleine Ecke, in der die aussortierten Bücher zu verschenken sind. Ich habe regelmäßig die „Zu Verschenken“-Ecke durchforstet und bin immer wieder mal fündig geworden. Ein interessantes Buch ganz umsonst – immer ein schönes Gefühl.

4. Facebookbörsen

Auch bei Facebook gibt es mittlerweile unzählige fachbezogene Literaturtauschbörsen/Verkaufsgruppen, in denen ausgediente Bücher günstig angeboten werden. Oder vielleicht hat in deiner Hochschulgruppe jemand aus einem höheren Semester genau das Buch abzugeben, das du suchst? Los geht’s!

5. Google Books (Downloader)

Google Books ist tatsächlich etwas, worauf ich während meines Studiums sehr häufig zurückgegriffen habe. Google ermöglicht einem in abertausende Bücher Einblick – wenngleich auch nicht auf alle Seiten. Aber oftmals benötigt man eh nur bestimmte Kapitel oder einige Anregungen. Mit Hilfe des „Google Book Downloaders“ kann man die Bücher ganz leicht als PDF-Version auf dem eigenen Rechner ablegen und gerät nicht in Not, nach wochenlanger Schreibabstinenz zu überlegen, wie eigentlich das Buch hieß, das man da zitiert hat..

6. Eine Steuererklärung einreichen

Kaum ein anderes Wort lässt es einem so kalt den Rücken runterlaufen. So ging es mir auch lange Zeit. Mittlerweile weiß ich: alles halb so schlimm! Und gerade als Student kann es sich im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt machen eine Steuererklärung einzureichen. Literatur, Technik, Semesterbeiträge… Mittlerweile gibt es hierzu zahlreiche kostenlose Seminare oder Infoportale auf denen man sich zu diesem Thema belesen kann. Trau Dich!

Ich hoffe, es war der ein oder andere brauchbare und neue Tipp für Dich dabei! Wenn ich noch eine irre Möglichkeit vergessen habe zu erwähnen, lass es mich gerne wissen. Kommentiere einfach meinen Beitrag oder schreib mir doch eine Mail!

Armer dualer Student.

„Heute vor fünf Jahren“ kündigt mir Facebook eine vermeintlich schöne Erinnerung an. Meine Augen analysieren die Erinnerung. In einem Gewand, das irgendwie an das Mittelalter verweisen sollte aber nicht mir gehörte, sitze ich auf einer Bank einer Bierzeltgarnitur der Zitadelle in Spandau. Vor mir ein kleiner Junge, der keine Ahnung davon hat, dass ich keine Ahnung vom Kinderschminken habe. Ich versuche trotzdem mein Bestes und tatsächlich kann ich alle Kinder zufrieden stellen. Allerdings war Kinderschminken auf Mittelaltermärkten keine Leidenschaft von mir. Es war ein Mittel zum Zweck, um irgendwie über die Runden zu kommen.

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Ich begann mein Studium in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen eines großen Trägers. 40 Stunden die Woche sah mein duales Studium vor. 3 Monate arbeiten, 3 Monate studieren. Das war toll, weil es Praxis und Theorie sinnvoll miteinander verbunden hatte. Weil man besser einschätzen kann, was einen nach dem Studium erwartet – in dem Beruf den man sich ausgesucht hat.

Was nicht so toll war: dass am Ende des Monats 0 Euro von diesem großen Träger auf mein Konto wanderten. Für eine zusätzliche 40-Stunden-Kraft. Was mir zunächst blieb war das Kindergeld, ein wenig Halbwaisenrente und etwas Bafög, später nicht einmal mehr das.

Davon finanziert werden musste eine Wohnung in der Nähe der Ausbildungsstätte, ein Wohnheimplatz für die Zeit an der Uni, ein Auto aus meinen letzten Ersparnissen, da die Hochschule so weit abgelegen war, dass öffentliche Verkehrsmittel gar nicht oder einfach viel zu wenig zur Verfügung standen, Essen, Lernmittel, ein kleines bisschen Sozialleben und eine Fernbeziehung nach Berlin. Die Heimfahrten versuchte ich zu minimieren oder mir durch möglichst viele Mitfahrer halbwegs leisten zu können. Immer in der Hoffnung, dass niemand abspringen würde und so meinen Kontostand wieder um fünf oder zehn Euro minimierte.

Mehrere Gespräche mit der Leitung brachten keine Änderung. Duales Studium ohne Geld oder gar kein duales Studium war das ungeschriebene Gesetz. Meistens blieben mir 10 oder 20 Euro für sämtliche Ausgaben der Woche. Eine Packung Nudeln, eine Packung Tiefkühlgemüse, Pesto, ein Brot und etwas Aufstrich. Eine Cola. Ansonsten Leitungswasser. Vielleicht noch etwas billigen Fusel für die Studentenpartys. Jedes Mal die Angst, ob der Geldautomat noch etwas ausspuckt, die Kartenzahlung an der Kasse von Penny mich nicht in die peinliche Situation bringt, nicht zahlen zu können. Freitag Nachmittag aus dem Erzgebirge nach Berlin fahren, Samstag 10 Stunden Kinderschminken, Sonntag wieder zurück. Alles für ein paar gemeinsame Stunden und etwas Cash auf die Hand.

Die verzweifelte Suche nach einem zweiten Job, der die Haushaltskasse etwas aufbessert. Chancenlos – niemand hat Interesse daran jemanden einzustellen, wenn er immer nur für wenige Monate vor Ort ist. In einer Gegend, in der Arbeits- und vor allem Aushilfskräfte nicht gerade wie Sand am Meer gesucht werden.

Ich war in den drei Jahren des Studiums kein einziges Mal im Urlaub; Studenten, die die Welt bereisen, andere Kulturen kennenlernen und in ferne Länder fliegen existierten zumindest nicht in meinem Leben.

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Aber es waren nicht nur Existenzängste die mich umtrieben. Vielmehr ging es oft um ein Gefühl der fehlenden Wertschätzung gegenüber der geleisteten Arbeit. Das den größten Trägern Deutschlands tatsächlich die finanziellen Mittel fehlen sollten um mir wenigstens eine Aufwandsentschädigung zahlen zu können habe ich nie geglaubt. Man wollte es einfach nicht. Ich habe immer versucht, dafür zu kämpfen. Nach erfolglosen Gesprächen wechselte ich den Ausbildungsbetrieb und zog zurück nach Hannover. Dort bot man mir wenigstens eine Aufwandsentschädigung an, die das Zugticket bezahlen konnte. Doch die Rechnung machte ich ohne die Ämter – das Bafög-Amt sah in dieser Aufwandsentschädigung eine getarnte Ausbildungsvergütung, sodass mir der Satz zunächst gekürzt wurde, bevor wir gänzlich getrennte Wege gingen.

Erst in einer letzten Station sicherte man mir bei einem dritten Betrieb eine Ausbildungsvergütung von 450 Euro zu. Immer noch irgendwie lächerlich, aber zu dieser Zeit eine enorme Erleichterung, die mir nicht nur viele Sorgen nahm, sondern auch das Gefühl der Selbstbestimmung und Wertschätzung zurückgab.

Nach meiner Exmatrikulation beschloss die Hochschule eine Mindestvergütung von eben diesen 450 Euro für alle Studentinnen. Plötzlich war jeder Träger in der Lage, diese zu zahlen.

Ich hatte nie die Ansprüche eines luxuriösen Studentenlebens. Aber ich wünsche mir, dass jeder sorgenfrei studieren kann. Ich wünsche mir, dass Existenzängste nicht von der Entscheidung eines Bildungsweges abhängig sind. Ich wünsche mir, dass StudentInnen weiterhin die Kraft haben, gegen solche Missstände anzutreten. Und ich wünsche niemandem das Gefühl einer nicht funktionierenden Kartenzahlung an einer Supermarktkasse.